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Beiträge zum Seetalplatz

Der Emmer Historiker Kurt Messmer erzählt, wie sich der Seetalplatz durch die Jahrhunderte veränderte

Der bedeutendste Verkehrsknotenpunkt des Kantons Luzern wird 2013–2018 umgebaut, ohne dass der Verkehr je stillgelegt wird. Eine Meisterleistung. 2014 zieht die Hochschule Luzern Design & Kunst in die Viscosistadt. 2025 hält die Verwaltung des Kantons Luzern am Seetalplatz Einzug. Das Beste, was am Emmenstrand passieren konnte. Ein spannendes neues Kapitel wird aufgeschlagen. Der Emmer Historiker Kurt Messmer erzählt, wie sich der Seetalplatz durch die Jahrhunderte veränderte: erster Teil.

So könnte die Richtstätte beim «Galgewäldli» am Ende des 18. Jahrhunderts ausgesehen haben (Rekonstruktion mit Vergrösserung unten rechts). Nahe beim Galgen die gedeckte Holzbrücke; die Emme ist hier nicht tief, aber breit und mündet kurz danach in die Reuss. Direkt neben der Brücke das Zollhaus, am rechten Bildrand das Wirtshaus Emmenbaum an der Strasse nach Rothenburg. Zeichnung Jonas Baltensweiler, Zürich 1991 / Kantonsarchäologie Luzern.

Den Anfang machen eine Brücke, ein Gasthaus und ein Galgen. Ein ungewöhnliches Trio. An einem Brückenkopf lässt man gern einige Jahrhunderte an sich vorüberziehen, in einem Gasthaus ebenso. Begegnungsorte von Menschen sind voller Leben. Aber unter einem Galgen? Die 136 Jahre, die er bei der Emmenbrücke im Gebrauch war, möchte man am liebsten vergessen. Doch genau das darf man nicht.

Eine Brücke über die Emme, so alt wie der Stiebende Steg in der Schöllenen

1236, kurz nach der Eröffnung des Gotthardverkehrs durch die Schöllenenschlucht, wird in einer Urkunde erstmals eine Brücke über die Emme erwähnt. Man muss sich beim «Zollhaus» einen schlichten Übergang vorstellen. Zeitweise verkehrt zusätzlich eine Fähre. An Turbulenzen fehlt es nicht. In den Akten zu einem Streit von 1437 steht: «Wegen einem Wassergusse tat die Emme ein andern weg hin louffen.» Vermutlich gelinde ausgedrückt. 1570 wird die dritte Emmenbrücke gebaut, 1783 die vierte. Aktuell sind wir bei der siebten. Was die Menschen 1437 wohl zum «Wasserguss» 2005 gesagt hätten?

«Das Wirtshus Emmenbrugg vor dem Emmenbaum»

Dass bei einem bedeutenden Flussübergang bald von einem Wirtshaus die Rede ist, verwundert nicht. Ob im «Emmenbaum» bereits 1236 gewirtet wird, bleibt offen. Chronist Emil Weibel hält eine Gaststätte für möglich, weil damals zwanzig fürnehme Leut – Freiherren, Klostervorsteher, Stadthäupter – einen Vertrag besiegeln, «ad pontem Emmon», bei der Emmenbrücke. Belegt ist, dass der «Emmenbaum» dem Vogt von Rothenburg seit 1434 eine Abgabe entrichtet und sich der Luzerner Rat 1582 über «viel Gesindel in den Wirtshäusern an der Emmenbrugg und in Gerliswyl» beklagt.

Kurz danach erhält Uli Wyder die Bewilligung, Wein auszuschenken, ebenso den «nachpuren» einen Abendtrunk zu reichen. Dazu darf er «ehrliche Hochzeiten abhalten», aber niemanden über Nacht beherbergen. Eine Erfolgsgeschichte wird das nicht. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts versuchen im «Emmenbaum» gegen zwanzig Wirte ihr Glück. Als das Emmenfeld seit den 1830er-Jahren als militärischer Übungsplatz dient, scheint sich die Lage zu verbessern.

Richtstätte – «‘s Mareili gieng untern Galgen zu bäte»

«Hüte dich, tuie kein Böses nicht, wan du wilst fleihen [fliehen] das Gericht». So steht es auf dem obrigkeitlichen Richtschwert des alten Standes Luzern. Verkündet werden die Urteile auf dem Weinmarkt, vollstreckt vor der Stadt, vorerst in der Senti, 1562–1798 beim «Galgewäldli» an der Emme. Die Ausgrabungen in den späten 1980er-Jahren fördern 45 menschliche Skelette zutage, dazu mehrere hundert Gerippe von Tieren. Auf dem Wasenplatz bei der Emmer Richtstätte werden bis 1866 verendete Tiere vergraben.

Ein düsteres Kapitel. Diebe werden gehängt, Mörder gerädert, Menschen, die man der Hexerei und Zauberei bezichtigt, verbrannt. Dieselbe Strafe erleiden Menschen wegen Homosexualität, sexuellen Handlungen mit Kindern und Tieren. Besonders grausam ist das Rädern. Der Henkersknecht lässt ein schweres Rad so lange auf die Gebeine eines am Boden festgepflockten Mörders krachen, bis sich der Körper des Verurteilten auf das Rad flechten lässt. Dann wird dieses Rad mit dem Gepeinigten auf eine Stange gesteckt. Das zieht Galgenvögel an, die tun, was sie nicht lassen können. Will man Verurteilten besonders übel oder gelten sie als ehrlos, werden sie mit dem Gesicht nach unten verscharrt. Damit wird verhindert, dass sie sich beim Jüngsten Gericht aufrichten können.

Polizeikräfte gibt es damals noch kaum. Hinrichtungen sollen die Menschen abschrecken, namentlich die Untertanen auf der Landschaft. Die Bevölkerung wird teils gezwungen, diesen fürchterlichen, bis ins Detail inszenierten Spektakeln beizuwohnen. Im Gegenzug verbietet die Obrigkeit den Angehörigen von Verurteilten, sich unter dem Galgen zu versammeln. Trauer soll nicht in Wut, Protest oder gar Revolte umschlagen.

Aus dem Bauernkrieg von 1653 ist bekannt, wie die Obrigkeit mit Mareili verfuhr, der Frau des hingerichteten Fridli Bucher, Bauernführer aus Ufhusen im Luzerner Hinterland. In einem Lied aus jener Zeit heisst es: «‘s Mareili gieng untern Galgen zu bäte; die Here täten ihm das abspräche: ‹Der Galge ist ja keis Gotteshus, ‘s ist süst nur in den Chirchen der Bruuch›; ‘s Mareili gab zur Antwort druf: ‹Das Bäte ist überall der Bruuch. Und ist der Galge keis Gotteshus, tuet‘s doch de Luzärner d Augen uf.›» – Heute befindet sich auf dem Areal der ehemaligen Richtstätte ein Unterwerk der SBB. Gleich daneben, beim Uferweg, bieten Informationstafeln historische Details und Zusammenhänge.

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